Süßer die Glocken nie klingen

Im Kreisgebiet von Groß-Gerau gibt es viele interessante Glocken zu entdecken

Kreis Groß-Gerau – Einst wurden sie Tieren als Gebimmel und Signalgeber um den Hals gebunden. Damit begann die Geschichte der Glocken. Günter Schneider, Glockensachverständiger im Bistum Mainz, weiß viel Wissenswertes über die 700jährige Geschichte historischer Glocken im Kreis Groß-Gerau zu berichten.

Kirchtürme sind Landmarken in ländlichen Regionen, und in Städten zeigten sie die Ortsmitte an. Der Klang von Glocken rief Gläubige zum Gebet, mahnte zum Frieden, diente als Begleitung von Festen und letzte Stimme am Grab.

Von etwa 280 Glocken im Kreis Groß-Gerau sind laut Schneider 50 historische Denkmäler. Sie haben die Auslese im Zweiten Weltkrieg überstanden und blieben erhalten. Sie zeugen von großartigem Kunsthandwerk in den vergangenen 700 Jahren.

„Die Glocke als Musikinstrument ist über 4000 Jahre alt“, so Schneider. Ihre Wurzeln werden in China vermutet. Im Kreisgebiet gibt es erste Spuren von Tierglöckchen, wie Funde bei Bauschheim und Gernsheim belegen.

Für das Christentum wurde die Glocke von Mönchen als Signalgeber entdeckt. Der Mainzer Erzbischof Bonifatius erwähnte im achten Jahrhundert in einem Brief erstmals den Begriff „clocca“.

Seit der Karolingerzeit besaß jede Kirche oder Kapelle eine Glocke – Pfarrkirchen sogar drei. Erste Glocken hatten die Form von Bienenkörben.

Die älteste Glocke des Kreisgebiets hängt laut Schneider im Türmchen des alten Rathauses in Trebur, trifft den Ton e‘‘, stammt aus der Zeit um das Jahr 1350 und wiegt etwa 200 Kilo. Die Inschrift in Majuskel-Schrift mit gotischen Großbuchstaben nennt Enselin Erenberg als Gießer. Er war ein Wandergießer aus dem Elsass und goss die Glocke vor Ort für die ehemalige Marienkirche. Ins alte Rathaus kam sie 1577.

Im Kreisgebiet sind nur fünf Glocken aus der Zeit der Gotik erhalten. Drei davon hängen in Kelsterbach. Die Kirchen sind nicht so alt. Sie erhielten die Glocken aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten als Leih- oder auch Patenglocken nach dem Zweiten Weltkrieg. Die älteste stammt aus Pommern und dem 14. Jahrhundert. Sie läutete den Ton gis‘ und wiegt etwa 700 Kilo. Sie ist ihrer Form wegen eine so genannte Zuckerhutglocke. Sie schweigt aber seit längerer Zeit wegen eines Risses und wird in der GefangenenKapelle der evangelischen Sankt-Martins-Kirche aufbewahrt.

Die dortige zweitgrößte Glocke, eine Gloriosa (Ton es‘, 1339 Kilo) läutet bis dato und weist einen AllerheiligenZierfries auf. Ihre Inschrift erinnert an ihre Funktion: „mortuos plango – vivus voco – fulgura frango“ (die Toten beklage ich – die Lebenden rufe ich – die Blitze breche ich). Dabei ist nach mittelalterlicher Vorstellung die Abwehr böser Kräfte einbezogen wie die Abwehr von Blitzen, böser Unwetter und Unheil.

In der katholischen HerzJesu-Kirche in Kelsterbach hängt eine kleine Glocke aus der Zeit um 1500 und aus Schlesien. Sie trifft den Ton f‘ und wiegt etwa 160 Kilo. Minuskeln zieren sie, also Kleinbuchstaben. Ihre lateinische Inschrift „o rex glorie veni cum pace“ bedeutet „O König der Herrlichkeit, komme mit Frieden“.

Meister Dillmann von Hachenburg aus Köln schuf im Westerwald als einer der bekanntesten Glockengießer die Wetterglocke für Büttelborn (Ton h‘, 310 Kilo). Sie hängt im Turm der evangelischen Kirche. Dort gibt es eine weitere historische Glocke aus dem Jahr 1705 (Ton gis‘, 645 Kilo) von Tilman Schmied aus Asslar.

Aus der Renaissance-Zeit sind im Kreis nur zwei Glocken erhalten – eine in der Wallfahrtskapelle „Maria Einsiedel“ in Gernsheim (Ton d‘‘, 200 Kilo) von 1516 und ein frühbarockes Glöckchen von 1655 (fis‘‘, 20 Kilo). Die Stadtkirche in Rüsselsheim erhielt 1594 zwei Glocken aus Mainz. Eine hat den Krieg und die Zerstörung der Kirche überstanden (b‘, 400 Kilo).

Im Frühbarock plünderten Soldaten Glocken für den Bau von Kanonen. 1662 erhielt die evangelische Kirche in Ginsheim eine Glocke aus Mainz (d‘‘, 180 Kilo). Sie dient heute als UhrschlagGlocke im alten Rathaus. Im gleichen Jahr bekam auch die evangelische Kirche in Goddelau eine Glocke (dis‘‘, 140 Kilo). Dort ist auch eine spätbarocke Glocke von 1783 (a‘, 400 Kilo) erhalten.

In Stockstadt raubten französische Soldaten 1689 zwei Glocken. 1705 wurden sie durch die Elfuhrglocke (fis‘, 776 Kilo) und die Zehnuhr glocke (ais‘, 450 Kilo) ersetzt. Im modernen Turm der katholischen Kirche Dornheim sind zwei historische Glocken aus der der Binger Kapuzinerkirche erhalten (1754, cis‘‘ und 170 Kilo aus Frankfurt) sowie eine aus Mainz von 1845 (dis‘‘, 121 Kilo).

Als die Industrialisierung einsetzte, verschwanden die Wandergießer. Die Eisenbahn übernahm die Lieferungen.

Nach einem Brand 1862 in der Kirche von Wolfskehlen wurde 1865 ein neues Dreiergeläut geliefert, von dem die Gemeindeglocke (f‘, 731 Kilo) und die Schulglocke (c‘‘, 216 Kilo) erhalten sind.

1902 lieferten die Gebrüder Bachert aus Kochendorf am Neckar vier neue Glocken zur evangelischen Kirche in Wallerstädten. Drei sind erhalten.

Schneider erinnerte daran, dass im Ersten Weltkrieg etwa die Hälfte aller Glocken für Kriegszwecke eingeschmolzen wurden. Nur die kleinsten durften in den Kirchtürmen bleiben und wurden unter Denkmalschutz gestellt. Neue Glocken entstanden, aber auch sie mussten im Zweiten Weltkrieg größtenteils wieder für die Herstellung von Waffen abgeliefert werden. Die letzte historische Glocke kam 2017 vom Glockenfriedhof in Hamburg in die katholische Kirche „Maria Magdalena“ nach Gernsheim. In Bischofsheim und Trebur sind die kleinsten Glocken aus den 1920er Jahren erhalten.

Von Carmen Erlenbach

FOTO Carmen Erlenbach

 

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