„Herzbluten ist fast zu wenig“

Lilien-Präsident Rüdiger Fritsch. Archiv-Foto: Arthur Schönbein

Lilien-Präsident Fritsch im Interview über die Folgen von Corona

Seit bald neun Jahren ist Rüdiger Fritsch Präsident des SV Darmstadt 98. Er übernahm den Verein im Herbst 2012 im Abstiegskampf in der 3. Liga. Seitdem haben er und seine Mitstreiter viel bewegt. Bei der Online-Mitgliederversammlung des Vereins (bei Redaktionsschluss noch nicht beendet) kandidierte er für zwei weiter Jahre als Präsident. Einen Gegenkandidaten hatte er nicht. Davor gab er dem Online-Magazin Lilienblog ein Interview, das wir hier in Auszügen veröffentlichen.

Herr Fritsch, Sie sind seit bald neun Jahren Präsident. War die letzte Amtszeit die schwierigste?

Als ich 2012 Präsident wurde, sind wir am Ende der Saison sportlich abgestiegen und haben erst durch das wirtschaftliche Fehlverhalten von Kickers Offenbach die Klasse gehalten. Das war gleich zu Beginn die größte Leidenszeit. Denn damals waren wir finanziell und strukturell noch lange nicht so stabil. Ein damaliger Abstieg hätte die Weichen definitiv in eine schlechtere Richtung gedreht.  Ich weiß nicht, ob man das mit heute vergleichen kann. Aber zumindest gemessen an der Zeit ab Mitte 2013 waren die vergangenen Monate sicherlich die härteste Zeit.

Wo steht der Verein heute?

Der SV Darmstadt 98 hat sich im Profifußball etabliert. Wir sind wirtschaftlich stabil, haben ein positives Eigenkapital, besitzen alle Vermarktungsrechte, bauen ein Stadion in Eigenregie, sind in der Region verankert und leben soziales Engagement. Wenn man das nimmt und irgendwelche Slapstick-Eigentore in der Nachspielzeit mal ausklammert, dann kann die gesamte Lilien-Familie stolz sein.

Es wird nicht leichter werden. Im Sommer ist Torjäger Serdar Dursun wohl ablösefrei weg. Wie wollen Sie das auffangen?

Abgänge gehören zum Fußball. Wenn einen das aus der Bahn wirft, hat er den falschen Job. Andere Vereine verlieren auch regelmäßig Leistungsträger. Wir hatten einen Dominik Stroh-Engel, dann kam ein Sandro Wagner, dann ein Serdar Dursun – bei allen konnte man die Entwicklung nicht voraussehen. Auch wenn das sicher nicht immer einfach ist: Das ist die Aufgabe einer sportlichen Leitung, entsprechend neue Spieler zu finden.

Beim Budget für Neuverpflichtung fehlen zudem die Zuschauereinnahmen …

Corona betrifft nicht nur Darmstadt 98. Es wird ein positives Gesundschrumpfen geben. Überhöhte Forderungen von Spielern und Spielerberatern werden in den nächsten Spielzeiten nicht mehr bedient werden können. Grundsätzlich ist mir nicht bange, dass wir nicht mithalten können. Wir sind einer von sieben Profivereinen, die in der Saison 2019/20 ein positives Ergebnis verkünden können.

Blutet Ihnen das Herz, wenn Sie bei Spielen am Böllenfalltor die leere neue Gegengerade sehen?

Herzbluten ist fast zu wenig. Dass die Gegengerade bislang nur drei Heimspiele mit Zuschauern erlebt hat, ist wahnsinnig traurig. Aber weil die Tribüne zum Glück nicht nur für dieses und vergangenes Jahr gebaut wurde, werden dort sicherlich noch viele Fans viele Jahre gute Spiele sehen.

Auf was freuen Sie sich denn am meisten, wenn wieder Zuschauer im Stadion sind?

Auf die Zuschauer (lacht). Auf die Stimmung, auf Gespräche, auf das Abklatschen, auch darauf gemeinsam mal sauer zu sein. Das ist das, was den Fußball ausmacht. Gerade ist dem Fußball die Seele genommen. Aber im Moment müssen wir alle Kompromisse machen.

Von Stephan Köhnlein

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