Gummibärchenbäuche, Glückspullen und Stadionwunder

Darmstadt-98-Coach Dirk Schuster im Interview

Am Sonntag starten die Lilien mit einem Heimspiel gegen den SC Paderborn (Anpfiff 15.30 Uhr) in die neue Zweitliga-Saison. Trainer Dirk Schuster wünscht sich eine sorgenfreie Saison, warnt aber vor hochtrabenden Zielen.

Stephan Köhnlein (SK):

Herr Schuster, Sie haben schon Mitte Juni wieder mit dem Training begonnen. Was war der Grund dafür, so früh zu starten?

Dirk Schuster (DS):

Wegen der WM war die Saison für uns schon am 13. Mai beendet. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, früh zu starten, um die Mannschaft körperlich fit zu machen für die komplette Runde. Ich denke, dass die Spieler in sechseinhalb Wochen Urlaub zu viel Physis verloren hätten. So sind wir auch dem Risiko aus dem Weg gegangen, dass sich ein Gummibärchenbauch ansetzen kann (lacht). Im Urlaub haben sich alle unsere Spieler diszipliniert an ihre Trainingspläne gehalten.

SK:

Rückblickend auf die vergangene Saison. Wieso stand das Team so lange unten drinnen?

DS:

Wir haben im Winter nach dem Trainerwechsel eine gewisse Anlaufzeit gebraucht. Wir mussten an einigen Stellschrauben drehen, neue Spieler integrieren. Teilweise hat uns auch ein bisschen das Spielglück gefehlt. Ich denke da vor allem an die vier Spiele, die wir hintereinander verloren haben. Dass es funktioniert, haben wir in den Spielen danach eindrucksvoll bewiesen. Am Ende hat sich die Mannschaft noch mit dem Klassenerhalt belohnt, den extern fast niemand mehr für möglich gehalten hat – besonders als wir sechs Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz hatten. Aber wir haben nie aufgegeben.

SK:

Ausschlaggebend waren auch die drei Siege in Folge zum Schluss. Schon nach dem 3:1 gegen Berlin haben Sie von einem „großen Schluck aus der Glückspulle“ gesprochen. Mit den beiden glücklichen Siegen gegen Regensburg und Aue haben sie die Pulle dann wohl bis auf den letzten Tropfen geleert … Das hätte aber auch schief gehen können, oder?

DS:

Natürlich. Aber das hat auch gezeigt, dass die Pulle noch ganz voll war, weil wir davor gar nichts daraus getrunken hatten (lacht).

SK:

Am Ende war es dann doch noch Platz zehn. Das kann ja blenden …

DS:

Wir waren bis zum 33. Spieltag unter dem Strich. Das ist Aussage genug. Für den Verein war es beinahe existenziell notwendig, dass wir es überhaupt geschafft hatten. Dass wir mit einem tiefdunkelblauen Auge nochmal davongekommen sind,
sollte uns ganz hellhörig machen für die Zukunft.

SK:

In der Rückrundentabelle waren Sie am Ende Vierter. Wenn dieser Trend sich fortsetzt, müssten Sie doch in der neuen Saison um den Aufstieg mitspielen?

DS:

Das wäre jetzt wirklich verblendet (lacht). Mit dem vierten Platz haben wir gezeigt, dass man die Punkte einfahren kann, wenn man in jedem Spiel bereit ist, über die Grenzen zu gehen. Und die Lehre daraus ist auch, dass man mit einem Unentschieden gut fahren kann. Gerade die Unentschieden in Nürnberg und Kiel haben uns gutgetan, weil sie gezeigt haben, dass wir mit den Spitzenteams
mithalten können. Was ein Unentschieden wert ist, merkt man immer erst, wenn man mal so sein Spiel verloren hat.

SK:

Wo müssen Sie in der neuen Saison besser werden?

DS:

Ich denke, wir haben noch Luft nach oben im spielerischen Bereich. Auch bei den Standardsituationen werden wir nochmal den Hebel ansetzen, damit wir da variabler werden. Und was wir unbedingt verhindern müssen ist, dass man uns einen Rucksack aufpackt nach dem Motto: „Jetzt müssen wir aber … sonst könnte es gefährlich werden“. Wir wollen von Anfang an die nötigen Punkte einfahren, um eine ruhigere Saison zu haben.

SK:

Als Ziel für die nächste Spielzeit haben Sie „eine sorgenfreie Saison“ ausgegeben. Das heißt also besser als Platz zehn? DS: Ich würde das nicht am Platz festmachen. Ich denke, wir sind in dieser Beziehung ein gebranntes Kind. Klar sind wir ehrgeizig. Klar sind wir fleißig. Klar wollen wir so viele Punkte wie möglich holen. Aber um jetzt hochtrabende Ziele auszugeben – dafür sind wir die Falschen.

SK:

Sie haben in Ihrer ersten Zeit bei Darmstadt immer wieder über die Infrastruktur geschimpft. Mittlerweile hat sich einiges geändert. Wie ist der Verein aus Ihrer Sicht aktuell da aufgestellt?

DS:

Top. Wer meckern kann, muss auch mal loben. Die Trainingsbedingungen zählen definitiv zu den besten in der 2. Liga. Wir haben zwei Trainingsplätze mit Flutlicht, einer zusätzlich mit Rasenheizung – und sie werden alle überragend gepflegt. Da hat sich sehr viel bewegt, auch weil die Vereinsführung die richtigen Entscheidungen getroffen hat.

SK:

Stellen Sie sich doch zum Abschluss mal vor, es würde über Nacht hier in Darmstadt ein Wunder passieren. An was würden Sie das morgen merken?

DS:

Dann würde ein neues Stadion hier stehen (lacht).

Von Stephan Köhnlein

Foto: Arthur Schönbein

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